Wir sind in der Schweiz in der glücklichen Lage, dass mehrere Rosenmalerinnen der Rose einen festen Platz in der Kunst geschafft haben. Über die Aargauer Rosenmalerin Alice Sager
geb. Peyer (2. April 1931, Zofingen bis 1. März 2007, Brittnau) hatten wir schon verschiedentlich in der Rosa Helvetica berichtet*. Mit unserem Jahresthema «Rosen in Kunst und Kultur»
können wir jedoch weitere ihrer schönen Aquarelle zeigen.
Rosen aus dem Garten (1998)
Als gelernte Modezeichnerin kam Alice Sager relativ spät, über den Umweg ihres Gartens in Brittnau zum Rosenmalen. Mit ihrem Gatten, dem Architekten Hanspeter Sager besuchte sie oft den Rosengarten im Schloss Heidegg um Ideen zu holen. Dort lernten sie auch Prof. Dr. Gottfried Boesch kennen, Mitbegründer unserer Gesellschaft im Jahre 1959 und zu der Zeit Konservator auf dem Schloss. Dr. Boesch regte sie an, weitere Rosen zu pflanzen und auch Mitglied bei der GSRF zu werden, wo sie mit anderen Rosenfreundinnen bekannt wurde. Mit dem Rosenmalen begann sie etwa 1974.
Gemalt hat Alice Sager in ihrem hellen Atelier im Dachgeschoss des umgebauten Bauernhauses in Brittnau, aber auch auswärts, wie z. B. in der Kartause Ittingen oder im Tessin. Ihr Sohn Matthias Sager sagt: «Sie malte schnell, da das Motiv, die Rose, sich veränderte.» Der Stil ihrer Aquarelle hat sich auch über die Jahre geändert. Während die ersten Rosenbilder einer botanischen Zeichnung entsprechen, sind spätere Werke eher impressionistisch. Anlässlich einer Vernissage ihrer Bilder im Schloss Heidegg im August 2001 schrieb sie selbst. «Ich versuche eine klare und umfassende Übersicht und Vertrautheit mit der Rose von der Knospe bis hin zu deren Entfaltung im Wechselspiel von Licht und Schatten zu erreichen. Oft scheint es mir, als
ob die Hand aus einer Gefühlsregung heraus wie von selbst male.»
'Mme Hardy' (1981)
Der Garten von Hanspeter und Alice Sager in Brittnau wurde nach und nach mit vielen Alten Rosen bepflanzt und erhielt 1999 den Schulthess-Gartenpreis, gemeinsam mit Gärten weiterer Mitglieder unserer Gesellschaft. Die Rosenbilder sind heute sowohl im Besitz der Familie als auch schmücken die Wohnungen vieler unserer Mitglieder. Eine posthume Ehrung der Künstlerin erfolgte im Juni 2009 anlässlich der Taufe der Rose ‘Alice Sager’ von Hans Wüest an einer Gedenkausstellung im Brittnau. Diese dunkelrote einfache Strauchrose existiert noch in mehreren Exemplaren. Wir möchten sie in Andenken sowohl an Alice Sager als auch an Hans Wüest vermehren lassen und in verschiedene Gärten pflanzen.
Behcet Ciragan
* RH 1999, s. 40; RH 2009, s. 39; RH 2014, s.39
** Die Rosenbilder sind aus der Sammlung von Matthias Sager.
Wahrscheinlich ist der Titel etwas übergriffig: Maria Sibylla Merian (1647–1717) wurde in Frankfurt geboren, verlor ihren Basler Vater Matthäus Merian der Ältere mit 3 Jahren, sprach wohl deshalb keinen Schweizer Dialekt und malte eigentlich hauptsächlich Insekten in verschiedenen Stadien. Ihr verdanken wir jedoch viele Darstellungen von Rosen aus dem 17. Jahrhundert, und der Name der Familie Merian ist eng mit der Schweiz verbunden – so bitte ich, ihre Aufnahme in diese Reihe nachzusehen.
Die Familie Merian stammte aus der Nähe von Delsberg im Jura, wo sie wohl Meier des Fürstbischofs von Basel waren. Ende des 15. Jh. zogen mehrere Merian-Brüder nach Basel, wo sie eine bedeutende Rolle spielten, bis der letzte Vertreter Christoph Merian 1857 die Christoph Merian Stiftung gegründete.
Die Merian-Gärten in Basel befinden sich auf der einstigen Domäne der Familie.
Matthäus Merian der Ältere (1593 Basel – 1650 Langenschwalbach), der Vater von Maria Sibylla Merian, war ein Schweizer Kupferstecher. Er kam 1616 nach Frankfurt und heiratete in eine Verlegerfamilie, die ursprünglich aus Lüttich (Liège) stammte. Maria war eine Tochter aus seiner zweiten Ehe.
Ihr Stiefvater Jacob Marrel, ein Stilllebenmaler, unterrichtete sie in Malen, Zeichnen und Kupferstechen. Ihre Faszination seit Kindheit mit Raupen und deren Metamorphose resultierte 1679 im Buch «Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung». Diese Darstellungen des Lebenszyklus vom Ei bis zum Schmetterling mit den dazugehörenden Futterpflanzen mit 50 Tafeln und Texten machte sie sofort über die Grenzen berühmt. Das Buch enthält vier Tafeln mit Rosen: ‘Leibfarbene Rose’ (R. incarnata, R. centifolia), ‘Kleine hundert-blätterichte Rose’ (R. centifolia minor, Gros pompon de Bourgogne), ‘Grosse hundert-blätterichte Rose’ (R. centifolia major, Rose des Peintres), sowie ‘Roth-geflammte Rose’ (Rosa versicolor, Rosa Mundi). Im Jahr 1683 erschien sodann eine Fortsetzung als «Anderer Theil». Darin sind zu finden: ‘Hundert blätterichte Rosen und Knöpfe’ (R. batavica rubra, Gros Choux de Hollande) und ‘Grössere rothe Heckenröslein’ (R. sylvestris major, R. rubiginosa).
Ein Jahr später, im Jahre 1680, erschien ihr dreiteiliges «Neues Blumenbuch», mit Aquarellen von Blumen aus den Gärten in Nürnberg. Wir finden darin ein Bouquet von Centifolien sowie eine Rosa gallica ‘Officinalis’ mit weiteren Blumen.
Das Leben der Maria Sibylla Merian bleibt auch später sehr wechselhaft. Im Jahre 1685 trennt sie sich von ihrem Gatten Johann Andreas Graff, wandert ins Friesische Wieuwerd, wo ihr Halbbruder Caspar Merian lebte, zieht 1691 nach Amsterdam um und macht dann 1699–1701 eine Studienreise nach Surinam in Südamerika, aus der ein weiteres Werk, «Metamorphosis insectorum Surinamensium», entsteht. 1717 stirbt sie in Amsterdam.
Obwohl sie nie eine naturwissenschaftliche Ausbildung bekommen hat, bleibt M. S. Merian als eigenständige Naturforscherin und Künstlerin erhalten.
Behcet Ciragan
Maria Sibylla Merian, Bildnis 1679 von Jacob Marrel (im Kunstmuseum Basel)
Rosa centifolia
Rose des Peintres
Gros Choux de Hollande
Rosa gallica 'Officinalis'
Quelle der Aquarelle: Bibliothek der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen
Rosalie de Constant (31. Juli 1758 Saint-Jean, Genf bis 27. November 1834 Genf), genauer gesagt Rosalie Constant de Rebecque, war eine Cousine des Politikers und Schriftstellers Benjamin Constant und malte zu ihrer Erbauung. Sie suchte alle Pflanzenarten auf, die ihr über den Weg liefen, von bescheidenen Flechten über den anmutigen Frauenschuh bis hin zur duftenden Hyazinthe und dem leuchtenden Klatschmohn. Sie malte und dokumentierte sie mit ebenso sorgfältigem und raffiniertem Talent wie mit wissenschaftlicher Genauigkeit in ihrem gemalten
Herbarium.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Malen von Blumen bei jungen Mädchen aus guten Familien ein beliebter Zeitvertreib. Nach einem schlimmen Sturz in ihrer Kindheit war Rosalie ihr Leben behindert und hatte sich deswegen gegen eine Heirat entschieden, obwohl es nicht an Bewerbern fehlte. Sie widmete einen Teil ihrer Zeit der Musik und der Poesie. Zu ihrer Vorliebe für Kunst gesellte sich eine unermüdliche wissenschaftliche Neugier, die in ihrer Zeit normalerweise Männern vorbehalten war. Zwischen 1795 und 1832 malte sie nicht weniger als
1245 Aquarelle, was ungefähr einem Drittel aller Blumen in ihrer Gegend entspricht, von denen einige Arten ausgestorben oder sehr selten geworden sind.
Die Aquarelle sind oft mit zwei handgeschriebenen Texten begleitet: Der erste Text ordnet die Pflanze in ein Klassifikationssystem ein (Linné, Jussieu und Candolle), der zweite beschreibt sie mit Angaben zu ihrer Verwendung, ihrem natürlichen Lebensraum und ihrer Blütezeit. Hier z. B. für Rosa villosa L. in Übersetzung:
Diese Art bietet zahlreiche Varietäten, die es sehr schwierig machen, sie in den Beschreibungen der Botaniker zu erkennen. Die Früchte sind grösser, fleischiger und dunkler als die der anderen Rosenarten und haben weiche Stacheln, ebenso die Stiele. Der Strauch kann sehr hoch wachsen; seine gewöhnliche Höhe beträgt 3 bis 4 Fuss. Die Blätter bestehen aus 5 bis 7 grossen, grünen Fiederblättern, die unterseits mit kurzen, manchmal drüsigen Haaren besetzt sind. Die Blüten sind klein und kräftig hellrot, stehen auf kurzen, stacheligen Stielen und haben herzförmige Blütenblätter. Aus den Früchten wird eine wohlschmeckende Marmelade hergestellt. Lange Zeit galt die Hagebuttenwurzel als Spezialmittel gegen die Hydrophobie, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass es nicht hilft. Es gibt eine weisse- und eine gelbblühende Sorte, deren Stängel und Blätter duften.
Vor ihrem Tod 1834 vertraute Rosalie ihr Herbarium ihrer Freundin Charlotte Grenier an, die es zehn Jahre später dem Botanischen Museum in Lausanne vermachte. Dort wird es sorgfältig aufbewahrt. Es bedeutet heute einen wahren Schatz des kulturellen und wissenschaftlichen Erbes des Kantons Waadt.
Rosa villosa L. Rosa arvensis Huds.
Rosa gallica L. Rosa corymbifera Borkh.
Text: Marlyse Fertig
Bildquelle: Département de botanique Naturéum, Lausanne
Unser Jahresthema für 2024 war «Rosen in Kunst und Kultur, mit Schwerpunkt Schweiz». Wir beenden das Jahr mit einem Namen, der vielleicht nicht so geläufig ist, mit Pia Roshardt.
Sophie Pia Meinherz wurde 27. Januar 1892 in Niederuzwil SG, als Bürgerin von Maienfeld SG, geboren und ist dort aufgewachsen. Sie besucht 1908-11 die «Blumenmalerschule» von Johannes Stauffacher in St. Gallen. Danach arbeitet Pia Meinherz als Entwerferin beim Stickerei-Unternehmen Labhard & Cie.
Ab 1916 besucht sie die Kunstgewerbeschule St. Gallen, um 1918 Lehrerin für das Entwerfen von Handstickereien im Kunstgewerbemuseum St. Gallen zu werden. Dort ist auch die schicksalhafte Begegnung mit Walter Roshardt (1857-1966), Zeichnungslehrer an der Textilfachschule. Mit der Heirat wird Pia Roshardt auch Bürgerin von Rapperswil-Jona (SG).
Das Künstlerpaar zieht in das aufregende Berlin und lernt dort u.a. Bertolt Brecht, Käthe Kollwitz und Max Liebermann kennen. Nach der Rückkehr in die Schweiz im Jahr1924 wird Walter Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich. Pia macht sich nach und nach einen Namen als Illustratorin mit ihren Zeichnungen und Aquarellen, für Kinder- und Naturbücher von verschiedenen Autoren. Für Kinder z.B. «Unsere lieben Freunde» und «Allerlei Waldbewohner» (1945), «Stüffels Abenteuer» (1948), «Mein Tierparadies» (1949), «Familie Mungg» (1950), «Familie Langbein» (1951), «Purzel» (1953), «Felix der schwarze Kater» (1960), «Kratzfuss und Grauschnabel» (1967). Für Erwachsene gedacht waren «Das Blumenjahr» (1945), «Einheimische Vögel» und «Pilz-Atlas» (1951), «Die schönsten Bergblumen» (1953), «Kakteen» (1954), «Sukkulenten» (1958), «Übern Gartenhag» (1961). Auch die Pro Juventute 1962 Marken für 5+5 Rp. (Apfelblüten) und 50+10 Rp. (Forsythien) entwirft sie.
Für uns Röseler ist eine Kleinodie besonders wichtig: «Das kleine Rosenbuch» oder auch «Die schönsten Rosen» (gleicher Inhalt) vom Hallwag-Verlag (1947) mit 12 Seiten Text von Max Geilinger und 22 Rosen-Aquarellen von Pia-Roshardt. Das Büchlein ist antiquarisch sehr günstig erhältlich. Die hervorragende Qualität der Aquarelle sieh man an den Beispielen.
Pia Roshardt starb am 22. April 1975 in Zürich, neun Jahre nach ihrem Ehemann. Die beiden Künstler wurden dann für lange Zeit vergessen. Seit 2017 gibt es im Gemeindehaus Uzwil nebst dem Archiv auch einen Raum «Pia-Roshardt-Meinherz», in denen ein Bestand an Werken der Künstlerin aufbewahrt wird. 2023 ist endlich dann das Buch «Roshardt und Roshardt. Zwei Leben für die Kunst» von Adrian Knoepfli erschienen.
Behcet Ciragan